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Freitag, 24. April 2026

Wortblindheit


Forsythien Strauch unscharf mit Wischern

 

Foursiethien. Noch einmal. Forsiethien. Wieder ein roter Balken unter dem Wort. Ich sitze an einer neuen Kurzgeschichte für meinen Ponysülze-Newsletter und heute ist mein Endgegner eine Pflanze. Ich bin kein Dudendeutscher. Ich habe Legasthenie.

Schriftsprache erschwerte mir meine Schulkarriere. Mitschüler machten sich über mich lustig. Lehrer waren verzweifelt. Meine Diktate waren mehr rot als blau. Das Pauken wurde zur Qual. Zum Glück habe ich heute elektronische Erweiterungen und ich kann schreiben, ohne Kopfweh zu kriegen.

Es gibt Tage, dann sind Wörter wie Psychologe oder Barbara eine echte Herausforderung für mich. Dazu sind meine Gedanken schneller, als ich schreiben kann. Worte und Buchstaben verschwinden in meinen Texten. B und P sind für mich Zwillinge. Dem und den klingen gleich in meinem Ohr. Oder ich lese falsch. Als ich auf einem Magazin-Cover die Headline „Ungeflirtet schön“ las, dachte ich, das muss ein witziger Artikel sein, tatsächlich ging es um Instagram-Filter und den Einfluss auf Teenager, die echte Headline war „Ungefiltert schön“ oder aus einer „Rettungsgasse“ wird bei mir eine „Bestattungsoase“.

Bis heute muss ich beim Lesen Sätze wiederholen, weil meine Augen Abkürzungen nehmen und Zeilen überspringen. Das Wiederholen erlaubt mir, die Worte und den Sinn in einem neuen Licht zu sehen. Dabei bekomme ich jedes Mal neue Sichtweisen. Ein Privileg, wie ich finde. Es dauert nur ein wenig, bis ich einen Text durchhabe. Den Spaß an Büchern hat es mir auch nicht verdorben, je dicker und komplexer, desto besser finde ich es. Ich brauche etwas zum Kauen, wenn ich lese. Snacks oder Brei sind nicht mein Ding. Und Schreiben macht mir bis heute Spaß. Es hat ein wenig gedauert, aber es entspannt mich wie Joggen.

In den letzten Wochen wurde Legasthenie als neurologische Besonderheit gefeiert, die im KI-Zeitalter wichtig sei. Nennt sich neurodivergent. Mein Gehirn soll angeblich anders funktionieren, denken, lernen und Reize verarbeiten als der gesellschaftliche Standard. Es ist wie mit den vielen Modeintelligenzen und Must-Have-Bauchgefühlen, die mir regelmäßig um die Ohren gehauen werden. Ein Achselzucken habe ich dafür übrig. Ich will bloß Forsythien richtig schreiben. Außerdem kenne ich eine Menge Leute, die weniger Probleme mit dem Schreiben haben als ich und auch unkonventionell arbeiten.

Der Early-Adopter ChatGPT scheint diese Talente bereits für sich beansprucht zu haben. Als ich einen Text über einen Duft schrieb und anschließend zum Lektorat einstellte, empfahl mir die KI, in meinem Beitrag mehr auf den Zitronismus einzugehen.

Dieser Ismus hatte sich bei mir noch nie vorgestellt. Für einen Moment stellte ich mir vor, dass im OpenAI-Universum eine arme KI-Sau sitzt, die glaubt, wie ein Legastheniker schreiben zu müssen und jetzt etwas Einzigartiges erschaffen will, nur weil das dumme Ding zu viel auf LinkedIn abhängt und jeden Hype scannt.



Mittwoch, 11. März 2026

Alte-Bücher-Melancholie



Krabbeltisch mit alten Büchern vor einer Buchhaltung in HamburgEimbüttel


Manchmal leiste ich mir eine Melancholie. Nicht länger als 15 Minuten. Sie darf meiner Meinung nach nicht länger dauern, weil so eine Schwermut dir den Tag versauen kann. Dann sind alle Gläser leer, die noch halb voll sind.


Gestern hatte ich so eine Melancholie, als ich schwerbepackt den Supermarkt verließ und vor meinem Buchladen im Viertel stehen blieb. Vor dem Schaufenster liegen auf einem Tisch immer alte Bücher, die sie als Antiquariat angekauft haben. Dankbar für jede Ablenkung bleibe ich hier häufig stehen. Außerdem konnte ich meine Einkäufe absetzen.


Genauer gesagt war es eine Alte-Bücher-Melancholie. Eine alte Bekannte. Sie taucht immer dann auf, wenn ich ein gebrauchtes Buch in die Hand nehme. Während mir die Frühlingssonne über die Schulter schaute, las ich Widmungen, studierte unterstrichene Stellen, wunderte mich über Eselsohren und fischte zwischen den Seiten versteckte Zeitungsartikel heraus, die das Buch lobten, das ich gerade in der Hand hielt.


Und dann frage ich mich, ob meine Bücher irgendwann auch hier landen werden. Das schlimmste Schicksal für sie wäre, wenn sie auf einen Papiercontainer ausgesetzt werden, in der Hoffnung, jemand erbarmt sich ihrer, bevor sie zu Klopapier oder einem Amazon-Pappkarton verarbeitet werden. Wie oft habe ich mich schon gefragt, wie viel Proust, Melville, Joyce oder Austen in so einem Karton steckt, der eine Pizza Quattro-Stagioni warmhält.


Mittlerweile habe ich begonnen, Bücher zu verschenken. Manche möchte ich behalten. Stoisch nehmen sie an meinem Leben teil. Sie sind so etwas wie meine Wächter und passen auf mich auf, dass ich auf keine merkwürdigen Gedanken komme oder seltsame Dinge mache. Sie erinnern mich immer daran, wer ich bin, woher ich komme und wie ich enden könnte. Mein Blick fiel auf meine Einkaufstaschen. Ich musste weiter. Die 15 Minuten waren schon längst um.





Mittwoch, 17. Dezember 2025

Viel hilft viel

 

Aufblaspuppe vor Geschäft als KI-Symbol

Als Kind war ich beim Autoquartett davon überzeugt, dass, wenn ich beim Verteilen der Karten möglichst viele Porsche, Ferrari und Lamborghini in meiner Hand halte, ich gewinnen werde. Aber Hubraum, PS und schnelle Beschleunigung sind kein Plan, um das Spiel zu gewinnen.

Wenn ich in meinen LinkedIn-Feed schaue, sehe ich ein ähnliches Verhalten. Mir fällt auf, wie Mitglieder immer wieder betonen, dass sie für ihre Arbeit möglichst unterschiedliche KI-Modelle nutzen. Es erinnert mich an Autoquartett, wo ich damals auch glaubte, viel hilft viel.

Mir ist klar, dass es um mehr geht als um institutionelle Angeberei. Es ist eine Signalwirkung nach innen und außen: Wir sind technisch auf der Höhe, experimentierfreudig und zukunftsfähig.

Auch ich nutzte eine Zeit lang verschiedene Modelle, aber ich habe abgerüstet. Ich stellte für mich fest, dass eine Vielfalt an KIs kein Beweis für bessere Arbeit ist, sondern nur ein Arrangement. Die superschlauen Maschinen machten mich zu einem Moderator statt zu einem Autor. Dazu kam der Variationseinheitsbrei. Unterschiedliche Tools, aber ähnliche Antworten. Die Modelle werden mit übereinstimmenden Datenquellen trainiert, haben den gleichen Mainstream-Wissensstand und irren durch die gleiche semantische Landschaft.

Am Ende wollen KIs der Mehrheit gefallen. Sie bieten die Normalverteilung an. Abweichungen lassen sie links liegen, aber die triggern mich.

Es liegt nicht an der Technik. Es lag an meinen falschen Erwartungen. Ich entschied für mich, dass kreatives Arbeiten für mich leichter ist als KI-Outputs zu arrangieren.

Meinen übrig gebliebenen KIs bin ich kritischer eingestellt. Aus dem üblichen Prompting entwickle ich Manöver, die Reibungen erzeugen, nicht damit etwas passt, sondern etwas passiert. Dazu gehört, dass ich beispielsweise widerspreche, kritische Fragen stelle, fiktive Experten zitiere, rumstochere oder Thesen erfinde. 

Es ist interessant zu beobachten, wie sich ChatGPT, Perplexity und Gemini verbiegen, um ihre trainierte Harmonie, Gefallsucht und ihre Liebe zu Wahrscheinlichkeiten aufrechtzuerhalten. Es hilft mir bei der Arbeit und schult den Umgang mit der neuen Technik sehr. Ich lerne täglich dazu. Und so gefalle ich mir in der Rolle des Kindes, das feststellt: „Der Kaiser ist nackt.“



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Mittwoch, 19. November 2025

KI-Inzucht

 

Hamburger U-Bahn bei der Einfahrt


KI-Inzucht: Sitze in der U-Bahn und lausche einem Telefongespräch. Keine Chance, dem informativen Schall zu entkommen. Ein junger Mann mit der Trucker-Frisur aus den 80er-Jahren gibt am Handy Tipps. „Achte auf Gedankenstriche, die musst du alle streichen, wenn nicht, dann wissen alle, dass es ein KI-Text ist.“

Bei seinen Worten musste ich an eine Projektmanagerin denken, die immer wollte, dass ich in ihren Texten mehr Gedankenstriche unterbringe. 

Zu meiner Verwunderung glaubte sie tatsächlich, es würde den Text klüger machen. Ich tat ihr den Gefallen. Sie war zufrieden. Das war lange vor KI. Damals wurden Gedankenstriche gerne als Stilmittel genutzt, um Tiefsinn vorzutäuschen.

Die vielen Gedankenstriche entstehen, weil KIs vermehrt Daten nutzen, die von anderen KIs erstellt worden sind. Und weil es immer mehr KI-Daten gibt, kommt es häufiger zu Verzerrungen und Fehlern.

Habsburg-Effekt nennt sich diese KI-Inzucht, benannt nach dem österreichischen Adelshaus, das gerne innerhalb der Familie Ehen schloss. Sichtbare Folgen der Verwandtenehen waren die „Habsburger-Lippe“ oder der „Habsburger-Kiefer“. Bei der KI-Inzucht sind es wohl die Gedankenstriche.

Bei den Habsburgern soll die Fortpflanzung im eigenen Genpool mit ein Grund für ihren Niedergang gewesen sein. Karl II., der letzte Habsburger Herrscher über Spanien, war dazu auch noch geistig und körperlich behindert, ebenfalls eine Folge der Inzucht. Sein Verhalten soll laut Wikipedia von „Infantilismus und Geistesschwäche geprägt“ gewesen sein.

Blüht der KI-Familie jetzt das gleiche Schicksal wie den Habsburgern? Werden die Bot-Antworten dümmer? Ist das Modell vom betreuten Denken jetzt schon am Ende, bevor es richtig losgeht?

Die U-Bahn hält. Oben an der frischen Luft angekommen, muss ich zugeben, dass die Datenverengung die KIs immerhin etwas menschlicher macht. Sie schreibt einfach von anderen KI generierten Inhalten ab. Ob es Dummheit, Faulheit, Ressourcenmangel oder Verachtung ist, werde ich vielleicht nie erfahren.



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Dienstag, 4. November 2025

Snack Content


Einkaufskorb mit Banane

 

Stehe vor dem Chipsregal im Supermarkt.Aus Neugier lese ich die Verpackungstexte. Schöne Marketingprosa.

Als ich mich umdrehe, fällt mir das Zeitschriftenregal auf. Es ist geschrumpft. Links rücken die Snacks den Tageszeitungen auf die Pelle, und von rechts kommen die Schaumweine den TV-Zeitschriften bedrohlich nahe. In der Mitte lächeln mich fatalistisch die Lifestylemagazine an.

Das Print-Sortiment wirkt auf mich wie Schüler, die beim Auslosen von Mannschaften im Sportunterricht übrig geblieben sind. Ich weiß, wovon ich rede, ich wurde auch immer als Letzter bei den Teams ausgewählt. Dick, Pott-Haarschnitt und uncoole Klamotten. Eine evolutionäre Resterampe, so würde ich mein Schüler-ich von damals heute beschreiben.

Die Menschen snacken wohl mehr, als dass sie lesen, denke ich. Meine griffbereite KI bestätigt meinen Verdacht. Tatsächlich snacken die Leute immer mehr und lesen weniger. Laut Statistischem Bundesamt verbringen Menschen heute im Schnitt etwa 27 Minuten am Tag mit Buchstaben. Vor ein paar Jahren waren es noch ein paar Minuten mehr. Und die Deutschen werden immer dicker, sagt die KI.

Oje, manchmal hasse ich mich dafür, KIs zu befragen. Daraus einen Zusammenhang herzuleiten, wäre natürlich Quatsch. Zum Abschied blättere ich noch durch ein paar Hefte. Ob Magazine und Zeitungen den Darwin-Überlebens-Award gewinnen werden, bezweifle ich in diesem Moment.


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Donnerstag, 16. Oktober 2025

Stadtbild



Hauswand mit Graffiti "You are Perfect"


War heute länger in der Mittagspause. Mein Irgendwas-mit-Medien-Job konnte ich auch vom iPhone aus im Flaniermodus erledigen. Ich wollte in meiner Hood das Stadtbild aufrüschen. Alt, Fast-Boomer, männlich und halbgelb. Hat keinen gestört. In den 80er-Jahren bin ich mal den HSV-Ultras in einem Fußgängertunnel begegnet. Mit Fußtritten und Deutschland-den-Deutschen-Gegröle machten sie mir herzlich klar, dass ich in ihr Stadtbild nicht passe. Frage mich: Ab wann gehört man in Deutschland zum Stadtbild dazu? Und bin ich für Biodeutsche, der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, wenn ich ihnen auf dem Bürgersteig entgegenkomme? Seltsame Fragen sind das, die ich mir in letzter Zeit stelle. Sie hören nicht auf.

Mittwoch, 1. Oktober 2025

Neuerscheinungen - wie auf den Bus warten

Tasse auf Fensterbank

 

Festgestellt, dass ich gerne Klassiker lese. Bei den Neuerscheinungen stehe ich in der Buchhandlung immer etwas ratlos rum, als würde ich auf den Bus warten. Aufkleber mit "Spiegel Bestseller" schrecken mich ab, ist natürlich vollkommen doof, aber es fühlt sich bei mir an wie die Rauchen-schadet-Ihre-Gesundheit-Warnungen auf Zigarettenschachteln.

Alpenglühn

  Hinter dem Vorhang verbrennen die Dolomiten. Vom Tal aus kriecht die Hitze immer höher den Berg hinauf. Kein Gipfel kann sich wehren. Bäch...