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Montag, 14. September 2026

Alpenglühn

 

Hitzesommer in Italien. Nur ein Vorhang und ein Klimaanlage helfen

Hinter dem Vorhang verbrennen die Dolomiten. Vom Tal aus kriecht die Hitze immer höher den Berg hinauf. Kein Gipfel kann sich wehren. Bäche sind zu Furchen verkommen. Aus Seen werden Tümpel. Bäume werfen ihr Laub ab. Über ihre braunen Blätter zu wandern klingt wie über Chips zu gehen. Die Augustglut schikaniert alles Leben.

Lautes Planschen und fröhliche Stimmen dringen dumpf durch die geschlossenen Fenster in mein Zimmer. Nach der Lautstärke zu urteilen, suchen viele Hotelgäste Erlösung im Pool. Künstlichen Teiche mag ich nicht. Auf ihren Grund gibt es wenig für mich zu entdecken. Ich liege auf meinem Bett. Eine Klimaanlage spendet mir Trost. Einfach nichts machen. Vor sich herträumen und den restlichen Tag verpassen. Die 20 Grad fühlen sich verdammt kühl an. Ein Genuss.
Den ganzen Text über meinen Hitzesommer in Italien, gibt es hier auf meiner Newsletter-Plattform. Viel Spaß beim Lesen. 

Freitag, 29. Mai 2026

Dreckssonntag




 

“Stumpfe Monotonie. 

Er spürt dieser verlorenen Saat immer noch nach.”


Atemlos humpelt Filip durch den Bahnhof. Zwischen den Gleisen eine Restwildnis. In seiner Mitte ein Forsythien-Strauch. Auf einen geheimen Befehl haben sich alle seine Blüten geöffnet. Filip beachtet den gelben Abschiedsgruß nicht. Keine Zeit für Wunder. Keine Zeit für Euphorie. Sein Zug wartet auf ihn.

Auf dem Bahnsteig versperren Raucher den Weg. Durch den Zigarettendunst schlängelt er sich zu seinem Wagen. Vor dem Einsteigen verlässt ihn seine Kraft. Seine Reisetasche fällt zu Boden und dabei springt der Reißverschluss auf. Eine Socke schaut heraus, als wollte sie der Enge entfliehen. Schwankend unter großen Anstrengungen beugt sich Filip hinunter, stopft die Socke rein und schließt die Tasche. Sein linker Arm will nicht mehr. Schlaff hängt er runter. Das linke Bein verhält sich ebenfalls ignorant. Auf die rechte Seite kann sich Filip verlassen, sie funktioniert einwandfrei. Er hat sich damit abgefunden, dass er in zwei Körperhälften wohnt.

Beim Hochkommen rutscht ihm sein Rucksack von den Schultern und reißt dabei das Tweedjackett gleich mit runter. Auf diese Gelegenheit hat eine Taube mit nacktem Kopf gewartet. Der Vogel landet auf seinem Jackett und pickt die Brötchenkrümel vom Revers. Keine üppige Mahlzeit, aber die Krumen stillen ihren ersten Hunger an diesem frühen Morgen. Das Gezappel von Filips rechter Seite und die Geh-weg-Rufe irritieren das Tier, es flattert davon......

Hier weiterlesen

Die erste Kurzgeschichte in diesem Jahr. Dreckssonntag erzählt über eine Zugfahrt, die Kindheitserinnerungen weckt. Viel Spaß.


Mittwoch, 24. Dezember 2025

Dezemberwespe

 

Festlicher Weihnachtsbaum im Nebel



Manchmal braucht es kein Ereignis, sondern nur ein kleines Stören.


 


"Gewaschen. Gemangelt. Gefaltet. Aromen gewaschener Baumwolle strömten aus dem Wäschepaket. „Ein guter Tag duftet nach frischer Wäsche“, murmelt Carla. Sie schnuppert an Laken, Kissen und Bezügen. Das Sauberkeitsbukett beruhigt ihr Gemüt.

Es kam vor, dass ihre Psyche einem überfüllten Café glich, in dem alle Tische und Stühle wackelten. Auf so einen Notfall war sie vorbereitet. Wenn das Herzrasen und die Kurzatmigkeit begannen, griff sie in ihre Handtasche. Hier bewahrte sie Stofftaschentücher auf, die in der Wäscherei extra für sie eingeschweißt wurden. Sie riss die Folie ab, steckte ihre Nase in das gereinigte Tuch und holte tief Luft. Ihr Puls beruhigte sich. Das Schwitzen nahm ein Ende. Seele und Körper harmonierten wieder miteinander...."

.....meine neue Kurzgeschichte gibt es hier auf der Ponysülze Newsletterseite. Viel Spaß beim Lesen.

Montag, 22. September 2025

Kurven

 


Aufmacherfoto Läufer im Wald zum Ponysülze Text Kurven


Im Wald. In den Blättern wohnt noch die Kühle. Hinter drei Kurven. Ein Hund. Er bellt den Morgen an. Vom Besitzer keine Spur. Eine Stimme ruft: „Komm her!“ Sie klingt weit. Zu weit für mein Gefühl. Nichts fürchte ich mehr als herrenlose Hunde. Das Tier ignoriert die Rufe. Dankbar, dass es nicht über meine Waden herfällt, laufe ich weiter. Die Schritte verhallen. Das Augustgrün verschluckt mich. In der nächsten Kurve bin ich weg.

An diesem Morgen fühle ich mich wie ein Bierlaster auf platten Reifen. In wenigen Wochen werde ich 60 und ich vermisse mein altes Läuferleben. Gern würde ich wieder morgens um halb fünf aus dem Bett springen, mir einen Kaffee reinziehen, meine Laufklamotten überwerfen und vor der Arbeit locker zweimal um die Alster laufen. Wenn ich heute in meine Joggingschuhe schlüpfe, brauchen meine Knochen ein intensives Warmmachen. Seit drei Jahren geht das schon so. Nach einer Oslo-Reise bekam ich eine Gelenkentzündung in meinem Knie. Eine Kniearthrose, die ich vorher kaum spürte, wurde jetzt mein neuer Partner. Das Treppenheruntersteigen wurde zur Qual. Doktor Google und Doc ChatGPT bescheinigten mir, dass ich im Eimer bin. Nie wieder laufen lautete ihr Urteil. Innerlich stellte ich mich schon aufs Rennradfahren ein und dachte über einen Umzug in eine altengerechte Wohnung nach. Meine Orthopädin und mein Physio erhoben Einspruch gegen die Ärzte aus dem Silicon Valley. Sie empfahlen mir, meine Mobilität und Stabilität weiter zu verbessern. Seitdem hat sich unser Esszimmer in ein Turnzimmer verwandelt. Hanteln, Yogamatten, Gymnastikbänder, Wackelbrett und ein übergroßer blauer Fitnessball sind jetzt unsere Stammgäste. Wann das Bücherregal einer Sprossenwand weichen muss, ist nur noch eine Frage der Zeit. Die Übungen zeigen Wirkung. Ich bin wieder unterwegs. Viel langsamer als früher, aber ich komme voran.

In meinem Atem mischt sich ein fremdes Schnaufen. Links überholt mich ein Läufer. Ganz in Schwarz gekleidet, mit verspiegelter Laufbrille und Kopfhörern. Im Kampfpilotenmodus jagt er an mir vorbei. Früher war ich auch so drauf....


Neugierig wie es weitergeht? Den kompletten Text gibt es hier. Viel Spaß.






Mittwoch, 28. Mai 2025

Meine Fantasie nur KI Bilder?







Ich konnte nicht widerstehen und habe mit KI die Protagonisten Yun Chi und Lok Yee aus meiner Kurzgeschichte Blütenseelen zum Leben erweckt. Frage mich, ob das gut ist. Sind wir nicht häufig enttäuscht, wenn unsere Helden und Heldinnen auf der Leinwand eine Stimme bekommen, die nicht mehr unsere eigene innere Lesestimme ist. Jetzt, wo die erste Schöpfungseuphorie über das Video vorüber ist – die nur wenige Minuten angehalten hat – frage ich mich, wann die große Erschöpfung der vielen KI-Inhalte eintritt. Aktuell sind alle noch auf Droge.


Freitag, 23. Mai 2025

Blütenseelen

 

Kurzgeschichte über eine Ehepaar aus China in Deutschland, die einen Garten haben und Kirschblüten einen besonderen Wert haben.



Meine Geliebte Lok Yee,

wie gerne würde ich aus der Ferne zuschauen, wie du deine Haare hochsteckst. Besonders, wenn du versuchst, deine Nackenhaare zu bändigen. Ich vermisse dich sehr. Entschuldige meinen späten Brief. Jetzt erst habe ich Zeit gefunden, dir zu schreiben. Die Flüge waren anstrengend. Alles war neu für mich. Im Flugzeug habe ich Trottel, alles falsch gemacht. Herr Lam hat seine Zusagen eingehalten. Es gab keine Probleme mit meinen Papieren. Er hat ein gutes Verhältnis zu den Beamten und kennt viele persönlich. Die Rezepte sind einfach, ich habe sie schnell gelernt. Die Deutschen haben keine großen Ansprüche. Herr Lam sagt, sie wüssten nicht, dass Essen für uns Chinesen der Himmel ist. Er behauptet, dass sie keine Ahnung haben. Sie könnten keinen Fisch, kein Gemüse, Schwein oder Ente zubereiten. Ich soll nur darauf achten, dass die Portionen groß sind, dann gebe es keine Probleme. Die indonesischen Hilfsköche sind freundlich und sprechen Kantonesisch. Die Kellner kommen auch aus Hongkong. Wir verstehen uns alle sehr gut. Die Stadt habe ich noch nicht angeschaut. Von den Menschen hier bekomme ich nichts mit. Vor meiner Abreise hattest du meine Hemden mit deinem Parfüm eingesprüht. Ein Hemd habe ich noch nicht getragen. Bevor ich anfange zu arbeiten, schnupper ich immer dran. So bist du in meiner Nähe. In ein paar Wochen sehen wir uns wieder. Das Geld für das Ticket bringt der Cousin von Herr Lam vorbei. War er schon da? Er kümmert sich um alle Formalitäten und bringt dich auch zum Flughafen. Du kannst ihm vertrauen. Mach dir keine Sorgen. Seine Familie lebt hier auch. Schick mir ein Telegramm, bevor du abfliegst. Ich will alles vorbereiten. Wenn du kommst, mache ich dir Meeresforelle nach Chaozhou-Art. Die magst du doch so gern. Kannst du bitte Salzpflaumen aus Tantes Yan Ting Laden mitbringen, hier bekomme ich sie nicht. Ihre Schatzkammer fehlt mir. Ich muss hier alles bestellen. Es dauert ewig, bis etwas geliefert wird. Bitte vergiss nicht, das Grab meiner Eltern zu besuchen, bevor du abreist. Stelle eine Schale Reis und Reisschnaps für mich hin. Hier wird es uns besser gehen. Ich kann es kaum erwarten, dich zu sehen.

Dein liebender Mann

Yun Chi


Kirschblütenblätter landen auf dem Wasser. Sie drängeln sich um das Schilf. Sie wollen ans Ufer, zurück auf die Bäume in den Frühling. „Wer hätte gedacht, dass diese Skelette jedes Jahr wieder erblühen. Meine kleinen Blütenseelen, wie ich euch vermisst habe“, murmelt Lok Yee. Sie hält sich an ihrem Teebecher fest und schaut auf ihren Teich. Becherwärme fließt durch ihre Finger. Gut gegen Gicht. Gut gegen das kalte Land. Ihr halbes Leben hat sie hier verbracht, aber an das Wetter kann sie sich nicht gewöhnen. Selbst der Mai ist hier ein Schattenmonat, dagegen ist die Rückseite des Mondes ein Paradies, denkt sie. Davon hatte Yun Chi in seinem Brief nichts geschrieben. Sie waren frisch verheiratet und schon getrennt. Es war ein dünner hellblauer Brief mit einem blau-rot gestreiften Rand. Auf den Briefmarken war ein weißer Vogel, der aus vielen kleinen weißen Vögeln bestand. Yun Chis Schrift schimmerte durch den Umschlag. Elf Tage hatte der Luftpostbrief gebraucht. Er verschwieg ihr auch, dass er sein Zimmer mit den Köchen teilen musste und dass Herr Lam zwei Gehälter einbehielt, weil er Unkosten hatte. Von der vielen Arbeit erfuhr Lok Yee nichts. Er schuftet rund um die Uhr, weil er viele Zutaten, die er nicht bekam, selbst herstellen musste oder in Herrn Lams anderen Chinarestaurant als Koch einsprang. An solchen Tagen blieb sein Bett kalt. Schlafengehen lohnte sich nicht, weil er gleich wieder aufstehen musste. Er legte sich dann Pappen vor den Herd in der Küche und schlief dort ein wenig....

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Sonntag, 9. März 2025

Die Merzwerdung – eine Bildbeschreibung



Essay: Wie ein Foto von Friedrich Merz die Gedanken verändert. Eine Geschichte über die Macht der Bilder.



Überall Bedeutung. Überall Versprechen. Überall Ewigkeiten. Ein Konfettiregen aus Fotos und Videos rieselt auf mich ein. Ich hocke am Pariser Flughafen und vertreibe mir die Zeit bis zu meinem Abflug auf Instagram, LinkedIn und TikTok. Kein Bild behalte ich in meiner Erinnerung. Das Auffegen geht immer schneller. Zwischen jetzt und gleich bleiben mir ein paar Minuten. In solchen Momenten google ich Dinge, die mich interessieren. Der Bundestagswahlkampf hat mich erfasst. Meine Neugier trifft Friedrich Merz. Laut Umfragen wird er der neue Kanzler. Es wird Zeit, ihn besser kennenzulernen. Ich überfliege die Suchergebnisse. In meinem ersten Berufsleben war ich Fotoredakteur. Längst vergessene Instinkte melden sich zurück. Ich mache eine Google-Bildersuche: Merz beim Wandern, mit seiner Frau Charlotte, im Bundestag, im Büro, mit Persönlichkeiten, in Meetings oder als Pilot im eigenen Flugzeug. Wenig Privates wird mir angezeigt. Bis auf ein Bild. Gerne würde ich es mir näher anschauen, aber mein Flug wird aufgerufen. Ein Screenshot für später muss reichen. Meine Recherche verschwindet mit dem Flugmodus aus meinem Sinn. Der Wahlsonntag rückt näher. Ich sitze am Schreibtisch und überlege, was ich hier auf Ponysülze schreiben kann. Mir schwebt eine Kurzgeschichte über einen Karpfen und eine alte Frau vor. Weit komme ich nicht. Gelangweilt von meinen eigenen Worten, greife ich zum Handy und flippe durch meine Fotoalben. Der Merz-Screenshot aus Paris taucht wieder auf. Ich ziehe das Foto groß. Damals in den Redaktionen betrachtete ich mit der Lupe minutenlang Bilder. Mein Interesse galt Motiven, die viel Privates preisgaben. Ich hoffte, hier Heiligkeit zu finden. Heiligkeit versteckt sich nicht nur in Bildern, sie zeigt sich auch im echten Leben. Es ist ein Gefühl. Eine Entselbstung. Sie erfasst mich an windigen Ecken. Ein hysterisches Lachen aus einem Küchenfenster kann sie haben. In der Schule lenkte sie mich häufig ab. Auf einem gefrorenen Acker habe ich sie schon gefunden. Eine tanzende Haarlocke hinter einem Ohr besitzt sie. Bei meinen Dauerläufen im Regen hilft sie mir. In einem Nebensatz kann sie unvermittelt auftauchen. Hinter beschlagenen Fenstern ist sie sicher zu finden. Gestraffte Falten können sie vortäuschen. Jeden Pixel nehme ich mir vor. Vielleicht komme ich der Heiligkeit im Merz-Foto auf die Spur, wenn ich mir vorstelle, wie das Bild mit Merz entstanden sein könnte. Meine Gedanken verselbstständigen sich wie eine Herde, die aus meinem Herzen ausgebrochen ist und jetzt mein Hirn überrennt. Mein Kopfkino beginnt......

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Samstag, 21. Dezember 2024

Winterschlaf

 

Winterlandschaft: Stell dir, wir Menschen würden Winterschlaf halten. Eine Kurzgeschichte über das große Schlafengehen.



Wind rüttelte am Fenster. Regen trommelte gegen die Scheibe, als würden Schwärme von Insekten immer wieder dagegen fliegen. Es war sieben Uhr morgens und stockdunkel. Die Nacht beschloss Überstunden zu machen.

Die Bettwärme betäubte meine Sinne. Ich schloss meine Augen und träumte gegen den Wind an. In meinem Traum taten wir Menschen es den Siebenschläfern gleich. Zum Ende des Sommers verlangsamte sich unser Stoffwechsel. Wir wurden immer müder und fielen in einen mehrmonatigen Winterschlaf.

Eisbaden, Daunenjacken, Feuerwerk, Hygge, Schneemänner, Heiligabend, Winteroffensiven, Vierschanzentournee, Hüttengaudi, Helene-Fischer-Weihnachtsshows, UGG-Boots, Sternensingen, Rodeln, Pelzmäntel, dicke Socken, Bundesligarückrundenstart, lange Unterhosen, Skiferien, Eiskratzen, Lebkuchen, Neujahrsansprachen, Black Fridays, Schneeballschlachten und Glühwein kannten wir nicht.

Wir lebten nur im Frühling und Sommer. In knapp sieben Monaten erledigten wir alles: Wir brachten die Kinder zur Welt, begruben unsere Liebsten, heirateten und trennten uns, bauten Häuser, eroberten Länder, gewannen oder verloren WMs, machten Abi, gründeten Firmen, ernteten Gemüse, schrieben Bücher oder sahen uns fremde Länder an.......

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Dienstag, 8. Oktober 2024

Messi

 

Hochhaus Kurzgeschichte über einen Sommer, der alles verändert. Wie einer kleiner Junge einem die Augen öffnet.



Gewitter geben diesen Hochhäusern ihre Würde zurück, dachte Franziska. Die Blätter beruhigten sich. Die Stadtstille löste sich auf. Nur das Wassertropfenglitzern auf der Fensterscheibe erinnerte an das Unwetter. Auf ihrem Balkon atmete sie den Sommerregenduft ein und schaute den Wolken bei ihrer Flucht zu.

Im Winter 1979 zog sie mit ihrem Ehemann in diesen Wohnblock in den zehnten Stock. Das Baustellenaroma kroch noch durch die Tapeten. Urbanität durch Dichte stand im Prospekt der Wohnungsbaugesellschaft. Ein Neubaukomplex für den die Stadt viele Schrebergärten geopfert hatte. Sie wollte immer eine Wohnung mit Atmosphäre. Einen Altbau mit Gipsblumen unter der Decke oder ein Reihenhaus mit einer Forsythien-Hecke. Das war ihre Vorstellung von einem Heim. Aber ihr Mann wollte in einem Hochhaus wohnen. Er hatte den Mietvertrag ohne ihr Wissen unterschrieben. Es war ihr egal. Sie war froh, dass sie nicht mehr bei seinen Eltern wohnen mussten.

Unten läuteten nervös die Kirchenglocken. Es war das Signal, sie musste sich anziehen. In den letzten Wochen hatte sie sich daran gewöhnt, die Vormittage im Schlafanzug zu vertrödeln. Sie schlüpfte in ihre Jeans und beobachtete sich im Spiegel. Ihre Sinnlichkeit nahm wieder Gestalt an, was sie selbst kaum bemerkte, weil sich ihre Blicke an ihren Haaren festhielten. Sie hatte aufgehört, ihre Haare zu färben. Am Mittelscheitel zeigte sich ein Silberstreifen, der ihre neue Lebensader war.........

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Montag, 12. August 2024

Staub vor der Sonne

 

Eine Short Story über Saharastaub in den Straßen von Berlin



Der Flieder blühte früh. Bleiche Beine suchten die Sonne. Vanilleeis tropfte vom Stiel. Warme Luft aus Afrika trieb den Winter aus der Stadt. Der April in Berlin begann in diesem Jahr mit einem Sommer. Mit der Wärme kam auch der Saharastaub. Ein Gemisch aus Mineralien und fossilen Algen. Ein totes Meer rieselte auf die Hauptstadt nieder und verschleierte die Sonne. Er wäre ein willkommener Dünger für einen Wald gewesen. Aber hier auf den Boulevards und Straßen war er nur Dreck. Der nächste Regen wird ihn in die Spree spülen.

Mehr als ein Dutzendmal im Jahr kommt der Staub aus der Sahara zu uns. Lässt Fensterscheiben matt werden. Pudert den Schnee, dass er aussieht wie Milchreis mit Zimt und Zucker. Über alle Kontinente verteilt er sich und wo er sich niederlässt, staunen die Menschen. Es waren Männer wie Kapitän Gutkese, die halfen, das Rätsel zu lösen. Der erfahrene Seemann, der in seinen jungen Jahren alle Weltmeere befahren hatte, war ganz in die Wissenschaft vernarrt. Für ihn ging es nur um Wahrheit und Wissen. Das Wort, das seine Haltung beschrieb, war Beständigkeit. Es war sein Lieblingswort. Wenn er einen Seemann zurechtwies, weil der seine Arbeit nicht gut machte, dann empfahl er ihm Beständigkeit. Es war das letzte Wort, das er seiner Frau zum Abschied ins Ohr flüsterte, als sie ihn fragte, wie er die langen Reisen aushält. Sie konnte nicht mehr antworten. Er riss sich los und ging an Bord. Kein Winken und kein Blick zurück. Beständigkeit war sein Lebenselixier......

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Donnerstag, 28. März 2024

Wie ich zum Leser wurde

 

Legasthenie: Wie aus einem funktionalen Analphabeten ein Leser wurde.




Ich unterbrach meine Frühstückslektüre und drehte das Radio lauter. Ein Interview mit der Kinderbuchautorin Kirsten Boie hatte meine Neugier geweckt. Auf Deutschlandfunk Kultur rief sie dazu auf, ihre Petition im Internet zu unterzeichnen, dass jedes Kind lesen lernen sollte. Tatsächlich gibt es Kinder, die nicht richtig lesen können. Laut Pisa Studie sind es 18,9 Prozent bei den Zehnjährigen. Es sind funktionale Analphabeten. Diese Kinder sind in der Lage Buchstaben und Wörter zu erkennen, aber sie verstehen nicht den Sinn von kompletten Sätzen oder Texten. Die Musik setzte wieder ein. Ich musste an die ersten Jahre meiner Schulzeit denken. Ich war auch so ein Kind: Ich konnte nicht richtig lesen und schreiben.

Wörter machten mir Angst, weil ich nichts verstand, selbst vor Buchstabensuppe fing ich mich an zu fürchten. Wenn ich in der Klasse mit Vorlesen dran war, dann kam ich mir vor, wie der Eingeborene Freitag aus dem Roman Robinson Crusoe, dem Robinson mit viel Mühe das Lesen beibringt. Genau wie Freitag stotterte ich mich unter großem Gelächter der Klasse durch die Zeilen. Meist gab ich nach den ersten Wörtern auf..........

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Donnerstag, 7. März 2024

Passdeutscher


Passdeutscher: Wenn du als Vater einen Chinesen hast und Deutscher werden willst



Januar 2024 – Freitagabend in der Hamburger Innenstadt. Es ist sehr ungemütlich. Das eisige Wetter lädt auch nicht zum Verweilen ein. Die wenigen Passanten wollen schnell nach Hause und ihren Feierabend genießen. Es weht von allen Seiten. Der Januarwind kann sich nicht entscheiden. Er ist aus jeder Richtung fies. Ich ziehe mich tief in meinem Mantel zurück. Es bringt nichts. Die Kälte kriecht durch alle Schichten Stoff.

Klar könnte ich mir auch etwas Besseres zum Wochenende vorstellen, als hier an einer Anti-AfD-Demo teilzunehmen. Aber es musste sein. Jetzt auf dem Sofa zu chillen und gemütlich eine Serie zu suchten, ist keine Option mehr für mich. Mit ein paar tausend Menschen teile ich meinen Zorn: Eine rechtsextreme Partei darf offen ihr Gift versprühen. Dafür schäme ich mich. Die Demonstranten werden laut, aber es bleibt friedlich, keiner schwenkt einen Galgen. Dass an den nächsten Wochenenden hunderttausende Menschen sich dem Protest gegen die AfD anschließen, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht. 

Die Empörung ist groß in Deutschland, seit die Details über ein Geheimtreffen von AfD-Politikern und Rechtsradikalen in einem Hotel bei Potsdam bekannt geworden sind. Hier wurde ein Masterplan zur Remigration, also der Rückführung von Millionen Menschen mit einer Zuwanderungsbiografie, vorgestellt. Es würde mich und meine Geschwister, viele Freunde, Kollegen und Kolleginnen treffen. Nach den Vorstellungen der AfD müsste ich meine deutsche Staatsangehörigkeit zurückgeben. Ich wäre dann wieder staatenlos.......

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Dienstag, 6. Februar 2024

Trostsuppe

Essay über Erinnerung: Wenn Hühnersuppen Vergangenheitsweh auslösen.


Wenn ich Vergangenheitsweh bekomme, koche ich mir Hühnersuppe. Ich erinnere mich dann an das China-Restaurant meines Vaters, besonders an das rhythmische Tak-Tak-Tak, der Hackmesser und das sanfte Blubbern eines riesigen Suppentopfes, der das Zentrum der Küche war. Er war ein magischer Reaktor. Aus Hühnern, Gemüse und Wasser wurde köstliche Hühnerbrühe gebraut. Die Suppe wurde gepflegt und gehütet wie ein Schatz. Der Topf war immer heiß und musste immer wieder mit Suppenhühnern und Gemüse aufgefüllt werden.......


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Donnerstag, 1. Februar 2024

Willkommen bei Ponysülze

Du bist hier richtig, wenn du auf Kultur, Kunst, Literatur, Musik oder Film stehst. Dieser Blog ist eine Erweiterung vom Newsletter-Projekt Ponysülze. Ich freue mich, wenn du ab und zu vorbeischaust. Danke.

Alpenglühn

  Hinter dem Vorhang verbrennen die Dolomiten. Vom Tal aus kriecht die Hitze immer höher den Berg hinauf. Kein Gipfel kann sich wehren. Bäch...