Freitag, 29. Mai 2026

Dreckssonntag




 

“Stumpfe Monotonie. 

Er spürt dieser verlorenen Saat immer noch nach.”


Atemlos humpelt Filip durch den Bahnhof. Zwischen den Gleisen eine Restwildnis. In seiner Mitte ein Forsythien-Strauch. Auf einen geheimen Befehl haben sich alle seine Blüten geöffnet. Filip beachtet den gelben Abschiedsgruß nicht. Keine Zeit für Wunder. Keine Zeit für Euphorie. Sein Zug wartet auf ihn.

Auf dem Bahnsteig versperren Raucher den Weg. Durch den Zigarettendunst schlängelt er sich zu seinem Wagen. Vor dem Einsteigen verlässt ihn seine Kraft. Seine Reisetasche fällt zu Boden und dabei springt der Reißverschluss auf. Eine Socke schaut heraus, als wollte sie der Enge entfliehen. Schwankend unter großen Anstrengungen beugt sich Filip hinunter, stopft die Socke rein und schließt die Tasche. Sein linker Arm will nicht mehr. Schlaff hängt er runter. Das linke Bein verhält sich ebenfalls ignorant. Auf die rechte Seite kann sich Filip verlassen, sie funktioniert einwandfrei. Er hat sich damit abgefunden, dass er in zwei Körperhälften wohnt.

Beim Hochkommen rutscht ihm sein Rucksack von den Schultern und reißt dabei das Tweedjackett gleich mit runter. Auf diese Gelegenheit hat eine Taube mit nacktem Kopf gewartet. Der Vogel landet auf seinem Jackett und pickt die Brötchenkrümel vom Revers. Keine üppige Mahlzeit, aber die Krumen stillen ihren ersten Hunger an diesem frühen Morgen. Das Gezappel von Filips rechter Seite und die Geh-weg-Rufe irritieren das Tier, es flattert davon......

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Die erste Kurzgeschichte in diesem Jahr. Dreckssonntag erzählt über eine Zugfahrt, die Kindheitserinnerungen weckt. Viel Spaß.


Montag, 18. Mai 2026

Gestutztes Leben ohne Trostsuppe

Das Bizarrste, was mir dieses Wochenende widerfahren ist, dass jemand deine Erzählung (Trostsuppe) zu seiner Biografie hinzufügt, obwohl die Person sicherlich über viele eigene Erinnerungen verfügen müsste. Fragte mich, was der Grund dafür sein könnte. Vielleicht das eigene langweilige gestutzte Leben? Scham? Einfallslosigkeit?Ich fand es lustig - Ponysülze wirkt.

Samstag, 9. Mai 2026

Atmen

Ich habe meine Marathonatmung wieder gefunden. 

2008 hatte ich sie verloren. 

Zwischen zwei Runden war sie wieder da. 

Freitag, 24. April 2026

Wortblindheit


Forsythien Strauch unscharf mit Wischern

 

Foursiethien. Noch einmal. Forsiethien. Wieder ein roter Balken unter dem Wort. Ich sitze an einer neuen Kurzgeschichte für meinen Ponysülze-Newsletter und heute ist mein Endgegner eine Pflanze. Ich bin kein Dudendeutscher. Ich habe Legasthenie.

Schriftsprache erschwerte mir meine Schulkarriere. Mitschüler machten sich über mich lustig. Lehrer waren verzweifelt. Meine Diktate waren mehr rot als blau. Das Pauken wurde zur Qual. Zum Glück habe ich heute elektronische Erweiterungen und ich kann schreiben, ohne Kopfweh zu kriegen.

Es gibt Tage, dann sind Wörter wie Psychologe oder Barbara eine echte Herausforderung für mich. Dazu sind meine Gedanken schneller, als ich schreiben kann. Worte und Buchstaben verschwinden in meinen Texten. B und P sind für mich Zwillinge. Dem und den klingen gleich in meinem Ohr. Oder ich lese falsch. Als ich auf einem Magazin-Cover die Headline „Ungeflirtet schön“ las, dachte ich, das muss ein witziger Artikel sein, tatsächlich ging es um Instagram-Filter und den Einfluss auf Teenager, die echte Headline war „Ungefiltert schön“ oder aus einer „Rettungsgasse“ wird bei mir eine „Bestattungsoase“.

Bis heute muss ich beim Lesen Sätze wiederholen, weil meine Augen Abkürzungen nehmen und Zeilen überspringen. Das Wiederholen erlaubt mir, die Worte und den Sinn in einem neuen Licht zu sehen. Dabei bekomme ich jedes Mal neue Sichtweisen. Ein Privileg, wie ich finde. Es dauert nur ein wenig, bis ich einen Text durchhabe. Den Spaß an Büchern hat es mir auch nicht verdorben, je dicker und komplexer, desto besser finde ich es. Ich brauche etwas zum Kauen, wenn ich lese. Snacks oder Brei sind nicht mein Ding. Und Schreiben macht mir bis heute Spaß. Es hat ein wenig gedauert, aber es entspannt mich wie Joggen.

In den letzten Wochen wurde Legasthenie als neurologische Besonderheit gefeiert, die im KI-Zeitalter wichtig sei. Nennt sich neurodivergent. Mein Gehirn soll angeblich anders funktionieren, denken, lernen und Reize verarbeiten als der gesellschaftliche Standard. Es ist wie mit den vielen Modeintelligenzen und Must-Have-Bauchgefühlen, die mir regelmäßig um die Ohren gehauen werden. Ein Achselzucken habe ich dafür übrig. Ich will bloß Forsythien richtig schreiben. Außerdem kenne ich eine Menge Leute, die weniger Probleme mit dem Schreiben haben als ich und auch unkonventionell arbeiten.

Der Early-Adopter ChatGPT scheint diese Talente bereits für sich beansprucht zu haben. Als ich einen Text über einen Duft schrieb und anschließend zum Lektorat einstellte, empfahl mir die KI, in meinem Beitrag mehr auf den Zitronismus einzugehen.

Dieser Ismus hatte sich bei mir noch nie vorgestellt. Für einen Moment stellte ich mir vor, dass im OpenAI-Universum eine arme KI-Sau sitzt, die glaubt, wie ein Legastheniker schreiben zu müssen und jetzt etwas Einzigartiges erschaffen will, nur weil das dumme Ding zu viel auf LinkedIn abhängt und jeden Hype scannt.



Donnerstag, 16. April 2026

Unendlichkeit lockt


Sonnenuntergang an der Nordsee vor Borkum


Sonnenglut streckt sich übers Watt

In der Marsch versammeln sich die Gänse zum Gebet

Ein Hase rennt über den freien Meeresgrund

Die Unendlichkeit lockt

In seinem Glück vergaß er die Flut

Austernfischer singen von seinem Leid


Dienstag, 31. März 2026

Für Perlentaucher Twentysix von Aylin Cel

 


Zufällig ist der größte Schatz der Menschheit. Und YouTube ist eine Schatzkammer. Und Twentysix von Aylin Celik ist eine echte Perle.

Mittwoch, 25. März 2026

Läuft


Warum wir laufen. In der Doku "Energy is Everything" nimmt Tobi aka Tobi Energy am Last-Soul-Ultra-Lauf teil. Immer die gleiche Strecke. 6.7 Kilometer lang. Nach jeder Runde einen Pause, dann geht es weiter. Stundenlang im Kreis laufen und was es mit dir macht. 
 

Mittwoch, 11. März 2026

Alte-Bücher-Melancholie



Krabbeltisch mit alten Büchern vor einer Buchhaltung in HamburgEimbüttel


Manchmal leiste ich mir eine Melancholie. Nicht länger als 15 Minuten. Sie darf meiner Meinung nach nicht länger dauern, weil so eine Schwermut dir den Tag versauen kann. Dann sind alle Gläser leer, die noch halb voll sind.


Gestern hatte ich so eine Melancholie, als ich schwerbepackt den Supermarkt verließ und vor meinem Buchladen im Viertel stehen blieb. Vor dem Schaufenster liegen auf einem Tisch immer alte Bücher, die sie als Antiquariat angekauft haben. Dankbar für jede Ablenkung bleibe ich hier häufig stehen. Außerdem konnte ich meine Einkäufe absetzen.


Genauer gesagt war es eine Alte-Bücher-Melancholie. Eine alte Bekannte. Sie taucht immer dann auf, wenn ich ein gebrauchtes Buch in die Hand nehme. Während mir die Frühlingssonne über die Schulter schaute, las ich Widmungen, studierte unterstrichene Stellen, wunderte mich über Eselsohren und fischte zwischen den Seiten versteckte Zeitungsartikel heraus, die das Buch lobten, das ich gerade in der Hand hielt.


Und dann frage ich mich, ob meine Bücher irgendwann auch hier landen werden. Das schlimmste Schicksal für sie wäre, wenn sie auf einen Papiercontainer ausgesetzt werden, in der Hoffnung, jemand erbarmt sich ihrer, bevor sie zu Klopapier oder einem Amazon-Pappkarton verarbeitet werden. Wie oft habe ich mich schon gefragt, wie viel Proust, Melville, Joyce oder Austen in so einem Karton steckt, der eine Pizza Quattro-Stagioni warmhält.


Mittlerweile habe ich begonnen, Bücher zu verschenken. Manche möchte ich behalten. Stoisch nehmen sie an meinem Leben teil. Sie sind so etwas wie meine Wächter und passen auf mich auf, dass ich auf keine merkwürdigen Gedanken komme oder seltsame Dinge mache. Sie erinnern mich immer daran, wer ich bin, woher ich komme und wie ich enden könnte. Mein Blick fiel auf meine Einkaufstaschen. Ich musste weiter. Die 15 Minuten waren schon längst um.





Donnerstag, 12. Februar 2026

Erinnerungen beim falschen Ton


Festgestellt, das viele Erinnerungen außerhalb unseres Herzens stattfinden. Und das dieser Satz eine gute Idee für eine neue Short Story auf Ponysülze ist. 

Mittwoch, 28. Januar 2026

Eiszeit

 

Eimsbüttel Weiher mit Eis im Winter 2026


Hinaus auf das Weiß

Väter drängeln ihre Kinder


Erzählen von der Vergangenheit

Verwechseln sie mit ihren Träumen


Unter ihnen fließt Wasser

Es knackt




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Freitag, 9. Januar 2026

Erster Krähenfreitag




Mäntel Federbetten dick in frischen Farben 
sollen Seelen wärmen



Unter den Stiefeln
knirscht weiter die alte Zeit
Die neuen Vorsätze 
hinterlassen keine Spuren


Krähen ist das egal
 machen keine Mode mit 
Sie bleiben schwarz





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Montag, 5. Januar 2026

Krieg den Palästen





 

"Ich weiß nicht, ob es Ihnen so geht wie mir, Tag für Tag bekämpfe ich das, wofür ich mich als junger Mensch engagiert habe."

Ex-Kanzler Schröders Worte lösen einen Flashback bei Daniel de Roulet aus. Eine Rückblick auf sein junges Ich, das Axel Springers Villa in den den Schweizer Alpen angesteckt hat: Ein Sonntag in den Bergen.



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Dreckssonntag

  “Stumpfe Monotonie.  Er spürt dieser verlorenen Saat immer noch nach.” Atemlos humpelt Filip durch den Bahnhof. Zwischen den Gleisen eine ...