Foursiethien. Noch einmal. Forsiethien. Wieder ein roter Balken unter dem Wort. Ich sitze an einer neuen Kurzgeschichte für meinen Ponysülze-Newsletter und heute ist mein Endgegner eine Pflanze. Ich bin kein Dudendeutscher. Ich habe Legasthenie.
Schriftsprache erschwerte mir meine Schulkarriere. Mitschüler machten sich über mich lustig. Lehrer waren verzweifelt. Meine Diktate waren mehr rot als blau. Das Pauken wurde zur Qual. Zum Glück habe ich heute elektronische Erweiterungen und ich kann schreiben, ohne Kopfweh zu kriegen.
Es gibt Tage, dann sind Wörter wie Psychologe oder Barbara eine echte Herausforderung für mich. Dazu sind meine Gedanken schneller, als ich schreiben kann. Worte und Buchstaben verschwinden in meinen Texten. B und P sind für mich Zwillinge. Dem und den klingen gleich in meinem Ohr. Oder ich lese falsch. Als ich auf einem Magazin-Cover die Headline „Ungeflirtet schön“ las, dachte ich, das muss ein witziger Artikel sein, tatsächlich ging es um Instagram-Filter und den Einfluss auf Teenager, die echte Headline war „Ungefiltert schön“ oder aus einer „Rettungsgasse“ wird bei mir eine „Bestattungsoase“.
Bis heute muss ich beim Lesen Sätze wiederholen, weil meine Augen Abkürzungen nehmen und Zeilen überspringen. Das Wiederholen erlaubt mir, die Worte und den Sinn in einem neuen Licht zu sehen. Dabei bekomme ich jedes Mal neue Sichtweisen. Ein Privileg, wie ich finde. Es dauert nur ein wenig, bis ich einen Text durchhabe. Den Spaß an Büchern hat es mir auch nicht verdorben, je dicker und komplexer, desto besser finde ich es. Ich brauche etwas zum Kauen, wenn ich lese. Snacks oder Brei sind nicht mein Ding. Und Schreiben macht mir bis heute Spaß. Es hat ein wenig gedauert, aber es entspannt mich wie Joggen.
In den letzten Wochen wurde Legasthenie als neurologische Besonderheit gefeiert, die im KI-Zeitalter wichtig sei. Nennt sich neurodivergent. Mein Gehirn soll angeblich anders funktionieren, denken, lernen und Reize verarbeiten als der gesellschaftliche Standard. Es ist wie mit den vielen Modeintelligenzen und Must-Have-Bauchgefühlen, die mir regelmäßig um die Ohren gehauen werden. Ein Achselzucken habe ich dafür übrig. Ich will bloß Forsythien richtig schreiben. Außerdem kenne ich eine Menge Leute, die weniger Probleme mit dem Schreiben haben als ich und auch unkonventionell arbeiten.
Der Early-Adopter ChatGPT scheint diese Talente bereits für sich beansprucht zu haben. Als ich einen Text über einen Duft schrieb und anschließend zum Lektorat einstellte, empfahl mir die KI, in meinem Beitrag mehr auf den Zitronismus einzugehen.
Dieser Ismus hatte sich bei mir noch nie vorgestellt. Für einen Moment stellte ich mir vor, dass im OpenAI-Universum eine arme KI-Sau sitzt, die glaubt, wie ein Legastheniker schreiben zu müssen und jetzt etwas Einzigartiges erschaffen will, nur weil das dumme Ding zu viel auf LinkedIn abhängt und jeden Hype scannt.
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