Dienstag, 10. Juni 2025

Montag, 9. Juni 2025

Einsatz Gott

 


Paul Valery speaks of the "une Ligne donnee" of a poem. One line is given to the poet by God or by nature, the rest he has to discover for himself.

(The Creative Process A Symposium by Brewster Ghiselin)

Freitag, 6. Juni 2025

Unter Strom



Im Flur von Franz Escher liegt ein toter Elektriker. Stromschlag. Er möchte nichts falsch machen und liest erst einmal ein Buch über einen Mafia-Kronzeugen, der im Gefängnis sitzt und ein Buch über einen Mann liest, in dessen Flur ein toter Elektriker liegt. Noch Fragen?

Montag, 2. Juni 2025

MOSES YOOFEE TRIO

Jazzgruppe aus Berlin: s Moses Yoofee Trio ist ein dynamisches Nu‑Jazz‑Power‑Trio

 

Hören und treiben lassen. Hat mir meine monatliche Buchhaltung erleichtert. Es gibt ein Leben da draußen. Groovt. Playlist on Youtube. Listen.

Mittwoch, 28. Mai 2025

Meine Fantasie nur KI Bilder?







Ich konnte nicht widerstehen und habe mit KI die Protagonisten Yun Chi und Lok Yee aus meiner Kurzgeschichte Blütenseelen zum Leben erweckt. Frage mich, ob das gut ist. Sind wir nicht häufig enttäuscht, wenn unsere Helden und Heldinnen auf der Leinwand eine Stimme bekommen, die nicht mehr unsere eigene innere Lesestimme ist. Jetzt, wo die erste Schöpfungseuphorie über das Video vorüber ist – die nur wenige Minuten angehalten hat – frage ich mich, wann die große Erschöpfung der vielen KI-Inhalte eintritt. Aktuell sind alle noch auf Droge.


Montag, 26. Mai 2025

A nice Cup of Tea

 



In meiner Kurzgeschichte Blütenseelen ging es oft um Tee. Aber wie macht der normale Durschnittsteebeutelnutzer den perfekten Tee? George Orwell (1984) hat dazu einen kleinen Essay verfasst.


"Some people would answer that they don’t like tea in itself, that they only drink it in order to be warmed and stimulated, and they need sugar to take the taste away. To those misguided people I would say: Try drinking tea without sugar for, say, a fortnight and it is very unlikely that you will ever want to ruin your tea by sweetening it again."



Freitag, 23. Mai 2025

Blütenseelen

 

Kurzgeschichte über eine Ehepaar aus China in Deutschland, die einen Garten haben und Kirschblüten einen besonderen Wert haben.



Meine Geliebte Lok Yee,

wie gerne würde ich aus der Ferne zuschauen, wie du deine Haare hochsteckst. Besonders, wenn du versuchst, deine Nackenhaare zu bändigen. Ich vermisse dich sehr. Entschuldige meinen späten Brief. Jetzt erst habe ich Zeit gefunden, dir zu schreiben. Die Flüge waren anstrengend. Alles war neu für mich. Im Flugzeug habe ich Trottel, alles falsch gemacht. Herr Lam hat seine Zusagen eingehalten. Es gab keine Probleme mit meinen Papieren. Er hat ein gutes Verhältnis zu den Beamten und kennt viele persönlich. Die Rezepte sind einfach, ich habe sie schnell gelernt. Die Deutschen haben keine großen Ansprüche. Herr Lam sagt, sie wüssten nicht, dass Essen für uns Chinesen der Himmel ist. Er behauptet, dass sie keine Ahnung haben. Sie könnten keinen Fisch, kein Gemüse, Schwein oder Ente zubereiten. Ich soll nur darauf achten, dass die Portionen groß sind, dann gebe es keine Probleme. Die indonesischen Hilfsköche sind freundlich und sprechen Kantonesisch. Die Kellner kommen auch aus Hongkong. Wir verstehen uns alle sehr gut. Die Stadt habe ich noch nicht angeschaut. Von den Menschen hier bekomme ich nichts mit. Vor meiner Abreise hattest du meine Hemden mit deinem Parfüm eingesprüht. Ein Hemd habe ich noch nicht getragen. Bevor ich anfange zu arbeiten, schnupper ich immer dran. So bist du in meiner Nähe. In ein paar Wochen sehen wir uns wieder. Das Geld für das Ticket bringt der Cousin von Herr Lam vorbei. War er schon da? Er kümmert sich um alle Formalitäten und bringt dich auch zum Flughafen. Du kannst ihm vertrauen. Mach dir keine Sorgen. Seine Familie lebt hier auch. Schick mir ein Telegramm, bevor du abfliegst. Ich will alles vorbereiten. Wenn du kommst, mache ich dir Meeresforelle nach Chaozhou-Art. Die magst du doch so gern. Kannst du bitte Salzpflaumen aus Tantes Yan Ting Laden mitbringen, hier bekomme ich sie nicht. Ihre Schatzkammer fehlt mir. Ich muss hier alles bestellen. Es dauert ewig, bis etwas geliefert wird. Bitte vergiss nicht, das Grab meiner Eltern zu besuchen, bevor du abreist. Stelle eine Schale Reis und Reisschnaps für mich hin. Hier wird es uns besser gehen. Ich kann es kaum erwarten, dich zu sehen.

Dein liebender Mann

Yun Chi


Kirschblütenblätter landen auf dem Wasser. Sie drängeln sich um das Schilf. Sie wollen ans Ufer, zurück auf die Bäume in den Frühling. „Wer hätte gedacht, dass diese Skelette jedes Jahr wieder erblühen. Meine kleinen Blütenseelen, wie ich euch vermisst habe“, murmelt Lok Yee. Sie hält sich an ihrem Teebecher fest und schaut auf ihren Teich. Becherwärme fließt durch ihre Finger. Gut gegen Gicht. Gut gegen das kalte Land. Ihr halbes Leben hat sie hier verbracht, aber an das Wetter kann sie sich nicht gewöhnen. Selbst der Mai ist hier ein Schattenmonat, dagegen ist die Rückseite des Mondes ein Paradies, denkt sie. Davon hatte Yun Chi in seinem Brief nichts geschrieben. Sie waren frisch verheiratet und schon getrennt. Es war ein dünner hellblauer Brief mit einem blau-rot gestreiften Rand. Auf den Briefmarken war ein weißer Vogel, der aus vielen kleinen weißen Vögeln bestand. Yun Chis Schrift schimmerte durch den Umschlag. Elf Tage hatte der Luftpostbrief gebraucht. Er verschwieg ihr auch, dass er sein Zimmer mit den Köchen teilen musste und dass Herr Lam zwei Gehälter einbehielt, weil er Unkosten hatte. Von der vielen Arbeit erfuhr Lok Yee nichts. Er schuftet rund um die Uhr, weil er viele Zutaten, die er nicht bekam, selbst herstellen musste oder in Herrn Lams anderen Chinarestaurant als Koch einsprang. An solchen Tagen blieb sein Bett kalt. Schlafengehen lohnte sich nicht, weil er gleich wieder aufstehen musste. Er legte sich dann Pappen vor den Herd in der Küche und schlief dort ein wenig....

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Sonntag, 18. Mai 2025

Auslöser

 

Schlenderte meinen Gedanken hinterher

Das Wort Ruinenempfindsamkeit bremste mich

Zwei Männer gingen an mir vorbei

Sehr schnell und sehr laut

Informativer Schall

Als wollten sie sich immerzu selber überholen

Manchmal blieben sie kurz stehen

und zeigten auf die schönen Häuser

Sie tauften alle auf den Namen Kapitalanlage

Den Häusern und mir war es egal 

es gab kein Echo


Dieser Text erschien auf meinen alten Blog Photo Ranch am 19. November 2011

Sonntag, 9. März 2025

Die Merzwerdung – eine Bildbeschreibung



Essay: Wie ein Foto von Friedrich Merz die Gedanken verändert. Eine Geschichte über die Macht der Bilder.



Überall Bedeutung. Überall Versprechen. Überall Ewigkeiten. Ein Konfettiregen aus Fotos und Videos rieselt auf mich ein. Ich hocke am Pariser Flughafen und vertreibe mir die Zeit bis zu meinem Abflug auf Instagram, LinkedIn und TikTok. Kein Bild behalte ich in meiner Erinnerung. Das Auffegen geht immer schneller. Zwischen jetzt und gleich bleiben mir ein paar Minuten. In solchen Momenten google ich Dinge, die mich interessieren. Der Bundestagswahlkampf hat mich erfasst. Meine Neugier trifft Friedrich Merz. Laut Umfragen wird er der neue Kanzler. Es wird Zeit, ihn besser kennenzulernen. Ich überfliege die Suchergebnisse. In meinem ersten Berufsleben war ich Fotoredakteur. Längst vergessene Instinkte melden sich zurück. Ich mache eine Google-Bildersuche: Merz beim Wandern, mit seiner Frau Charlotte, im Bundestag, im Büro, mit Persönlichkeiten, in Meetings oder als Pilot im eigenen Flugzeug. Wenig Privates wird mir angezeigt. Bis auf ein Bild. Gerne würde ich es mir näher anschauen, aber mein Flug wird aufgerufen. Ein Screenshot für später muss reichen. Meine Recherche verschwindet mit dem Flugmodus aus meinem Sinn. Der Wahlsonntag rückt näher. Ich sitze am Schreibtisch und überlege, was ich hier auf Ponysülze schreiben kann. Mir schwebt eine Kurzgeschichte über einen Karpfen und eine alte Frau vor. Weit komme ich nicht. Gelangweilt von meinen eigenen Worten, greife ich zum Handy und flippe durch meine Fotoalben. Der Merz-Screenshot aus Paris taucht wieder auf. Ich ziehe das Foto groß. Damals in den Redaktionen betrachtete ich mit der Lupe minutenlang Bilder. Mein Interesse galt Motiven, die viel Privates preisgaben. Ich hoffte, hier Heiligkeit zu finden. Heiligkeit versteckt sich nicht nur in Bildern, sie zeigt sich auch im echten Leben. Es ist ein Gefühl. Eine Entselbstung. Sie erfasst mich an windigen Ecken. Ein hysterisches Lachen aus einem Küchenfenster kann sie haben. In der Schule lenkte sie mich häufig ab. Auf einem gefrorenen Acker habe ich sie schon gefunden. Eine tanzende Haarlocke hinter einem Ohr besitzt sie. Bei meinen Dauerläufen im Regen hilft sie mir. In einem Nebensatz kann sie unvermittelt auftauchen. Hinter beschlagenen Fenstern ist sie sicher zu finden. Gestraffte Falten können sie vortäuschen. Jeden Pixel nehme ich mir vor. Vielleicht komme ich der Heiligkeit im Merz-Foto auf die Spur, wenn ich mir vorstelle, wie das Bild mit Merz entstanden sein könnte. Meine Gedanken verselbstständigen sich wie eine Herde, die aus meinem Herzen ausgebrochen ist und jetzt mein Hirn überrennt. Mein Kopfkino beginnt......

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Samstag, 21. Dezember 2024

Winterschlaf

 

Winterlandschaft: Stell dir, wir Menschen würden Winterschlaf halten. Eine Kurzgeschichte über das große Schlafengehen.



Wind rüttelte am Fenster. Regen trommelte gegen die Scheibe, als würden Schwärme von Insekten immer wieder dagegen fliegen. Es war sieben Uhr morgens und stockdunkel. Die Nacht beschloss Überstunden zu machen.

Die Bettwärme betäubte meine Sinne. Ich schloss meine Augen und träumte gegen den Wind an. In meinem Traum taten wir Menschen es den Siebenschläfern gleich. Zum Ende des Sommers verlangsamte sich unser Stoffwechsel. Wir wurden immer müder und fielen in einen mehrmonatigen Winterschlaf.

Eisbaden, Daunenjacken, Feuerwerk, Hygge, Schneemänner, Heiligabend, Winteroffensiven, Vierschanzentournee, Hüttengaudi, Helene-Fischer-Weihnachtsshows, UGG-Boots, Sternensingen, Rodeln, Pelzmäntel, dicke Socken, Bundesligarückrundenstart, lange Unterhosen, Skiferien, Eiskratzen, Lebkuchen, Neujahrsansprachen, Black Fridays, Schneeballschlachten und Glühwein kannten wir nicht.

Wir lebten nur im Frühling und Sommer. In knapp sieben Monaten erledigten wir alles: Wir brachten die Kinder zur Welt, begruben unsere Liebsten, heirateten und trennten uns, bauten Häuser, eroberten Länder, gewannen oder verloren WMs, machten Abi, gründeten Firmen, ernteten Gemüse, schrieben Bücher oder sahen uns fremde Länder an.......

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Dienstag, 8. Oktober 2024

Messi

 

Hochhaus Kurzgeschichte über einen Sommer, der alles verändert. Wie einer kleiner Junge einem die Augen öffnet.



Gewitter geben diesen Hochhäusern ihre Würde zurück, dachte Franziska. Die Blätter beruhigten sich. Die Stadtstille löste sich auf. Nur das Wassertropfenglitzern auf der Fensterscheibe erinnerte an das Unwetter. Auf ihrem Balkon atmete sie den Sommerregenduft ein und schaute den Wolken bei ihrer Flucht zu.

Im Winter 1979 zog sie mit ihrem Ehemann in diesen Wohnblock in den zehnten Stock. Das Baustellenaroma kroch noch durch die Tapeten. Urbanität durch Dichte stand im Prospekt der Wohnungsbaugesellschaft. Ein Neubaukomplex für den die Stadt viele Schrebergärten geopfert hatte. Sie wollte immer eine Wohnung mit Atmosphäre. Einen Altbau mit Gipsblumen unter der Decke oder ein Reihenhaus mit einer Forsythien-Hecke. Das war ihre Vorstellung von einem Heim. Aber ihr Mann wollte in einem Hochhaus wohnen. Er hatte den Mietvertrag ohne ihr Wissen unterschrieben. Es war ihr egal. Sie war froh, dass sie nicht mehr bei seinen Eltern wohnen mussten.

Unten läuteten nervös die Kirchenglocken. Es war das Signal, sie musste sich anziehen. In den letzten Wochen hatte sie sich daran gewöhnt, die Vormittage im Schlafanzug zu vertrödeln. Sie schlüpfte in ihre Jeans und beobachtete sich im Spiegel. Ihre Sinnlichkeit nahm wieder Gestalt an, was sie selbst kaum bemerkte, weil sich ihre Blicke an ihren Haaren festhielten. Sie hatte aufgehört, ihre Haare zu färben. Am Mittelscheitel zeigte sich ein Silberstreifen, der ihre neue Lebensader war.........

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Montag, 12. August 2024

Staub vor der Sonne

 

Eine Short Story über Saharastaub in den Straßen von Berlin



Der Flieder blühte früh. Bleiche Beine suchten die Sonne. Vanilleeis tropfte vom Stiel. Warme Luft aus Afrika trieb den Winter aus der Stadt. Der April in Berlin begann in diesem Jahr mit einem Sommer. Mit der Wärme kam auch der Saharastaub. Ein Gemisch aus Mineralien und fossilen Algen. Ein totes Meer rieselte auf die Hauptstadt nieder und verschleierte die Sonne. Er wäre ein willkommener Dünger für einen Wald gewesen. Aber hier auf den Boulevards und Straßen war er nur Dreck. Der nächste Regen wird ihn in die Spree spülen.

Mehr als ein Dutzendmal im Jahr kommt der Staub aus der Sahara zu uns. Lässt Fensterscheiben matt werden. Pudert den Schnee, dass er aussieht wie Milchreis mit Zimt und Zucker. Über alle Kontinente verteilt er sich und wo er sich niederlässt, staunen die Menschen. Es waren Männer wie Kapitän Gutkese, die halfen, das Rätsel zu lösen. Der erfahrene Seemann, der in seinen jungen Jahren alle Weltmeere befahren hatte, war ganz in die Wissenschaft vernarrt. Für ihn ging es nur um Wahrheit und Wissen. Das Wort, das seine Haltung beschrieb, war Beständigkeit. Es war sein Lieblingswort. Wenn er einen Seemann zurechtwies, weil der seine Arbeit nicht gut machte, dann empfahl er ihm Beständigkeit. Es war das letzte Wort, das er seiner Frau zum Abschied ins Ohr flüsterte, als sie ihn fragte, wie er die langen Reisen aushält. Sie konnte nicht mehr antworten. Er riss sich los und ging an Bord. Kein Winken und kein Blick zurück. Beständigkeit war sein Lebenselixier......

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Donnerstag, 28. März 2024

Wie ich zum Leser wurde

 

Legasthenie: Wie aus einem funktionalen Analphabeten ein Leser wurde.




Ich unterbrach meine Frühstückslektüre und drehte das Radio lauter. Ein Interview mit der Kinderbuchautorin Kirsten Boie hatte meine Neugier geweckt. Auf Deutschlandfunk Kultur rief sie dazu auf, ihre Petition im Internet zu unterzeichnen, dass jedes Kind lesen lernen sollte. Tatsächlich gibt es Kinder, die nicht richtig lesen können. Laut Pisa Studie sind es 18,9 Prozent bei den Zehnjährigen. Es sind funktionale Analphabeten. Diese Kinder sind in der Lage Buchstaben und Wörter zu erkennen, aber sie verstehen nicht den Sinn von kompletten Sätzen oder Texten. Die Musik setzte wieder ein. Ich musste an die ersten Jahre meiner Schulzeit denken. Ich war auch so ein Kind: Ich konnte nicht richtig lesen und schreiben.

Wörter machten mir Angst, weil ich nichts verstand, selbst vor Buchstabensuppe fing ich mich an zu fürchten. Wenn ich in der Klasse mit Vorlesen dran war, dann kam ich mir vor, wie der Eingeborene Freitag aus dem Roman Robinson Crusoe, dem Robinson mit viel Mühe das Lesen beibringt. Genau wie Freitag stotterte ich mich unter großem Gelächter der Klasse durch die Zeilen. Meist gab ich nach den ersten Wörtern auf..........

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Donnerstag, 7. März 2024

Passdeutscher


Passdeutscher: Wenn du als Vater einen Chinesen hast und Deutscher werden willst



Januar 2024 – Freitagabend in der Hamburger Innenstadt. Es ist sehr ungemütlich. Das eisige Wetter lädt auch nicht zum Verweilen ein. Die wenigen Passanten wollen schnell nach Hause und ihren Feierabend genießen. Es weht von allen Seiten. Der Januarwind kann sich nicht entscheiden. Er ist aus jeder Richtung fies. Ich ziehe mich tief in meinem Mantel zurück. Es bringt nichts. Die Kälte kriecht durch alle Schichten Stoff.

Klar könnte ich mir auch etwas Besseres zum Wochenende vorstellen, als hier an einer Anti-AfD-Demo teilzunehmen. Aber es musste sein. Jetzt auf dem Sofa zu chillen und gemütlich eine Serie zu suchten, ist keine Option mehr für mich. Mit ein paar tausend Menschen teile ich meinen Zorn: Eine rechtsextreme Partei darf offen ihr Gift versprühen. Dafür schäme ich mich. Die Demonstranten werden laut, aber es bleibt friedlich, keiner schwenkt einen Galgen. Dass an den nächsten Wochenenden hunderttausende Menschen sich dem Protest gegen die AfD anschließen, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht. 

Die Empörung ist groß in Deutschland, seit die Details über ein Geheimtreffen von AfD-Politikern und Rechtsradikalen in einem Hotel bei Potsdam bekannt geworden sind. Hier wurde ein Masterplan zur Remigration, also der Rückführung von Millionen Menschen mit einer Zuwanderungsbiografie, vorgestellt. Es würde mich und meine Geschwister, viele Freunde, Kollegen und Kolleginnen treffen. Nach den Vorstellungen der AfD müsste ich meine deutsche Staatsangehörigkeit zurückgeben. Ich wäre dann wieder staatenlos.......

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Alpenglühn

  Hinter dem Vorhang verbrennen die Dolomiten. Vom Tal aus kriecht die Hitze immer höher den Berg hinauf. Kein Gipfel kann sich wehren. Bäch...